Асоціація українських германістів
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Виступ Юрія Андруховича на XXV конференції Асоціації українських германістів

LÄCHELN DES ICH

Eine besondere Fähigkeit der deutschen Sprache ist es, kürzere Wörter in längere zu vereinen. Einige andere Sprachen können das auch – unter anderem meine ukrainische Muttersprache. Aber keine andere Sprache kann das mit einer solchen radikalen Tapferkeit, wie die deutsche. Denn die deutsche Sprache ist fähig, nicht einfach nur zwei Wörter zu vereinen, sondern drei, vier und manchmal sogar fünf Wörter.

Das Paradox besteht darin, dass man sich mit Hilfe längerer Wörter wesentlich kürzer ausdrücken kann. Der Pragmatismus der Träger der deutschen Sprache fördert verstärkt diesen Komfort.

In der Schule, in die ich ging, war die deutsche Sprache Hauptfach. Sie wurde die ganzen zehn Jahre lang unterrichtet.

Dadurch brachte man uns Deutsch sogar früher als Russisch bei. Denn Russisch begann als Sprache der internationalen Kommunikation der Völker der UdSSR ab dem zweiten Schuljahr, während man Deutsch ab dem ersten Schuljahr hatte. Tatsächlich lehrte man uns im Laufe jenes ersten Jahres aber weder lesen, noch schreiben – es ging ausschließlich um die Aussprache, und nicht einmal der Wörter, sondern einzelner Laute.

*   *   *

Um in eine solche Schule zu kommen, musste man sich anstrengen. Einfach so wurde man da nicht genommen: nur über ein – wie soll man das nennen? – Aufnahmegespräch mit einer ganzen Kommission von Lehrerinnen und sogar der Vizedirektorinnen. Sie machten sich irgendwelche Notizen und stellten ab und zu Fragen der Art „Gefällt dir dein Kindergarten?“. Mir gefiel der Kindergarten überhaupt nicht, aber ich log mit einem „Ja“. Mich begleitete Irena Karliwna, sie war es, die mir die korrekten Antworten telepathisch eingab. Wenn ich die Wahrheit über den Kindergarten gesagt hätte, wäre ich nie in diese superanspruchsvolle Schule gekommen. Eine besondere, spezialisierte Schule.

Darauf folgte eine Reihe merkwürdiger Phrasen. Mira Abramiwna (später erfuhr ich, dass sie in der Schulleitung für Deutsch zuständig war) sprach heftig artikulierend Kauderwelsch. Ich musste ihr nachsprechen. „Was ist das?“, brüllte sie. Ich wiederholte. „Nimm die Kreide!“, forderte sie. Ich wiederholte: „Nimm die Kreide!“ – und ging dabei anscheinend mit dem gerollten „r“ über das Maß hinaus.

Aber Irena Karliwna, die später über den Verlauf jener Prüfung einen Bericht erstattete, lobte mich sehr und ahmte mehrmals mein Raben-„RRRR“ nach.

Ich wurde aufgenommen.

*   *   *

Also, zu den Lauten. Das heißt, zur Aussprache.

Ich kann mich daran erinnern, wie unsere Lehrerin uns fünfzigmal hintereinander irgendein „ich“ einüben ließ (die Lippen werden fast wie zum Lächeln zur Seite gezogen, die Zunge bewegt sich zur Unterlippe, aber kommt damit doch nicht in Berührung).

Ein anderes Beispiel wäre „glühen“ oder „blühen“.

Ach ja, mit den Umlauten war es am schwierigsten. Jeder davon erforderte besondere Arbeit mit den Lippen. Wenn Du sieben bist, kannst du nicht unbedingt begreifen, wozu jemand sich solche phonetischen Torturen einfallen lässt. Wie soll das gehen und wozu soll man die Zunge, den Gaumen, die Zähne und die Lippen so schrecklich quälen? Würden normale Menschen sich solche Probleme mit der Aussprache einfallen lassen? Kann es sein, dass das kein Einfall der Deutschen, sondern der unserer Lehrerin ist? Vielleicht existiert diese Sprache überhaupt nicht? Dann geht es in der Tat nur um Gymnastik für unsere Zähne, Lippen, Zunge und den Gaumen? Aber warum lässt uns dann die Lehrerin so oft „Goethe, Goethe, Goethe“ wiederholen? Im Chor und jeder einzeln, jeden Tag ein und dasselbe – Goethe, Goethe, Goethe?

Welche Rolle er bei diesem Spiel hatte, erfuhren wir etwas später, als man uns Lesen und Schreiben beibrachte und uns von allen Seiten mit seinen Porträts umstellte. Ein und derselbe altertümliche Herr mit einem, soweit ich mich erinnern kann, Ordensstern an der Brust sah durchdringend-stechend von der Wand des Sprachlabors auf uns herunter, von den Lehrwerkseiten und Heftumschlägen. (Mit letzteren übertreibe ich vielleicht, aber den Porträts der Klassiker auf den Heftumschlägen begegnete man schon, warum nicht auch dem von Goethe). Das muss ein sehr wichtiger Deutscher sein, wenn es ihn überall so oft gibt, vermuteten wir. Bald darauf mussten wir sein „Heidenröslein“ auswendig lernen und aus dem neben diesem Gedicht untergebrachten kurzen Lebenslauf (ich verstehe bis heute nicht, wie es den Autoren des Lehrwerks gelungen war, ihn so zu komprimieren!) folgte, dass das wichtigste Werk im Leben dieses von Goethe die Tragödie „Faust“ war.

*   *   *  

Wie alle normalen Kinder faul, protestierten wir ab und zu laut und äußerten unsere Unzufriedenheit darüber, dass es jedenfalls zu viel Deutsch gebe. Einer meiner Schulfreunde beschwerte sich regelmäßig, dass er diese Sprache wegen ihrer „kilometerlangen Wörter“ nicht beherrschen könne. Darauf reagierte unsere Lehrerin, die alte Kommunistin und Kriegsveteranin, die ihr Deutsch höchstwahrscheinlich in der Gefangenenvernehmung praktiziert hatte, mit dem immer gleichen schlagenden Argument: „Man muss die Sprache des Feindes beherrschen!“ Für uns, die Zehnjährigen, klang das nicht besonders überzeugend aber blieb uns im Gedächtnis.

Meine Oma Irena Karliwna, die Tochter des Sudetenhalbdeutschen-Halbtschechen Karl Skočdopol, hielt Deutsch nicht für ihre Muttersprache (das hätte noch gefehlt!), aber machte große Anstrengungen, damit ich es beherrschte. Ausgerechnet dank ihrer Beharrlichkeit hatten die Eltern eingewilligt, mich in jene Schule zu schicken, in die spezialisierte. Das war ihr Verantwortungsbereich – die deutsche Sprache und wie ich damit zurechtkam. Eine Lehrerin mit großer Erfahrung (freilich noch einer Zwischenkriegserfahrung und deshalb politisch desaktualisiert), bediente sie sich allerlei Berufstricks und lockte einen mit Lustigem. Eben von ihr erfuhr ich, dass es im Deutschen das längste Wort der Welt gäbe. Seitdem bin ich stolz darauf, dass ich es bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit wiederholen kann: Hottentottenpotentatentantenatentatentäter.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, was das für einer ist. Viel realistischer wäre, in ihm die bereits erwähnte Tante des Hottentottenpotentaten zu erkennen. Sie müsste schwarzhäutig sein und (wenn das Attentat auf sie scheiterte) irgendwo in Afrika leben.

Aber ich mag dieses Wort trotzdem sehr gern. Phonetisch – für den Laut t, der in ihm 13(!)-mal vorkommt und 13 Zäsuren in seiner Rhythmus-Melodik bildet. Graphisch – für den Buchstaben t, der den gleichen Laut im Schriftbild bezeichnet, auch 13-mal vorkommt und dem Wort eine visuelle Senkrechtstellung verleiht.

Ich schreibe und spreche dieses längste Wort mit besonderer Freude aus. Nun wieder: Hottentottenpotentatentantenatentatentäter.

*   *   *

Am Ende des Sommers begann die Zeit der Herbarien. Eigentlich sollten wir den ganzen Sommer lang Blätter sammeln – damit sie bis zum September einigermaßen trocken aussahen. Das war die Sommeraufgabe in Botanik. Aber wie alle normalen (das heißt, wie hier bereits erwähnt wurde, faulen) Schüler, schob ich diese Sache auf die letzten Augusttage hinaus. Ich schließe nicht aus, dass das immer an seinem, Goethes, Geburtstag, geschah – mein Vater, ein Förster, schüttete vor mir einen vollen Sack duftendes Grün aus. Das war eine Art böser botanischer Witz: mich bis über den Kopf mit diesen zahllosen Blättern zu überschütten, mit denen ich sowieso nicht mehr zurechtkommen konnte. Vielleicht wollte auf diese Weise der Erlkönig selbst einen bösen Scherz mit mir treiben, über den ich in den Proben des Knabenchors eine bedrohliche Ballade sang. Daher war die Anwesenheit des Retter-Vaters in dieser Episode durchaus nicht zufällig: Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?

Mein Vater war der erste Mensch in der Welt, der mir den Ginkgo-Baum zeigte. Das war eine Erschütterung für mich – mir vorzustellen, dass er sich an die Dinosaurier erinnern konnte und dass er chinesisch war. Aber vor allem dieses Wort, das Wort an sich – Ginkgo! Nach etlichen Jahren begegnete ich auf einem ähnlichen Baum in Lwiw einem Mädchen, im ungepflegten Randgebiet des botanischen Parks, eigentlich irgendwo an seiner Grenze zum Nicht-Park, das heißt, dem Wald. Danach trafen wir uns immer ausgerechnet unter jenem Baum – bis wir auseinander gingen. Ich schaffte es nicht zu einem Werther, aber als noch zehn Jahre vergangen waren, flossen aus mir unbekannten Gründen einige Gedichte über „den Baum, zu dem sie nicht mehr kommt“ aus meiner Feder und über „den Zweig des vergessenen Ginkgo-Baumes“. Die Bedeutung des Ganzen zeichnete sich erst Ende der 90-er ab, als einer meiner deutschen Freunde, nachdem er jene Gedichte übersetzt gelesen hatte, mich für eine gelungene Reminiszenz an Goethe lobte. Ich tat, als ob ich verstünde, worum es ginge, woraufhin ich zweimal „Faust“ las – in der ukrainischen Übersetzung von Lukasch und einer russischen – von Pasternak, jedoch gelang es mir nicht, eine Reminiszenz festzustellen: kein Ginkgo-Baum wurde in „Faust“ erwähnt. Dann kam plötzlich eine Postkarte von der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna (die einzige, die ich je bekommen habe!) – mit einem zweigeteilten hellgrünen Blatt auf der Vorder- und zwölf Goethe-Zeilen auf der Rückseite. In diesem Augenblick schien mir, dass er mich beobachtete, nicht ohne ein skeptisches Lächeln auf den dünnen edlen Lippen. Beschämt wandte ich meinen Blick von seinem durchdringend-stechenden Blick ab.

Nein, ich versuche nicht, ihn mit meinem eigenen Leben zu verweben und für meine Unwissenheit verantwortlich zu machen. Es geht mir darum, dass Dichtung, einmal von einem der Dichter in diese Welt hineingeworfen, daraus nie wieder verschwindet. Wir sind einfach nicht immer imstande sie zu erkennen, aber einmal versprachlicht hört sie auf, bloße Wörter zu sein, indem sie sich in Sachen, Gesten, Situationen und so genannten Zufällen realisiert. Das erinnert an die von demselben Goethe beschriebenen Metamorphosen der Pflanzen: Keimung – Einwurzelung – Wachstum.

Es geht mir darum, dass in uns allen die Dichtung widerhallt, meistens ohne dass wir es ahnen. Es genügt bereits, sich diese merkwürdige sowjetische Schule am Ende der Tauwetterperiode und der 60-er Jahre, diese erste Klasse, diese siebenjährigen kleinen Ukrainer, diese Überanstrengung ihrer Mimik („tut so, als ob ihr vorhättet, Rauchringe aus dem Mund zu blasen“ – instruiert die Lehrerin nicht besonders angemessen) und die Lippen legen sich endlich so aufeinander, dass das, was man braucht, zustande kommt – ein nichtslawischer schimärischer Laut mitten im großen fremden Namen: Goethe, Goethe, Goethe…

*   *   * 

Die Schule beendete ich mit siebzehn, aber in das Land, wo man wirklich Deutsch spricht, kam ich zum ersten Mal mit zweiunddreißig. Die fünfzehn Jahre dazwischen studierte ich Verlagswesen, arbeitete in einer Druckerei, war beim Militär, veröffentlichte erste und zweite Gedichte, lernte, sie auf der Bühne zu präsentieren usw. Außerdem vergaß ich – langsam aber konsequent – mein Schuldeutsch. Die Kenntnisse einer Fremdsprache erfordern, wenn man nicht in deren Land lebt, Übungen mit einer beinahe gymnastischen Hartnäckigkeit. Man kann nicht Schwimmen oder Radfahren verlernen. Aber mit einer Sprache, geschweige denn einer fremden, ist es leider nicht so. Man kann sie offensichtlich vergessen. Und obwohl ich im Laufe von jenen fünfzehn Jahren ab und zu einige Gymnastikstunden einrichtete, indem ich die Dichtung des frühen Rilke oder – Was einem nicht alles einfällt! – romantische Prosa von Ludwig Tieck übersetzte, vergaß ich Deutsch trotzdem.

Als ich Ende Januar 1992 plötzlich in das bayerische Städtchen Feldafing bei München geriet, zögerte ich deshalb den Zeitpunkt der ersten Unterhaltung mit den Ortsbewohnern möglichst lang hinaus. Nein, das Wort Goethe konnte ich immer noch auf eine fast vollkommene Weise aussprechen. Aber das war zu wenig, um dringende und lebenswichtige wenn auch alltägliche Dinge zu klären. Wie finde ich einen Supermarkt? Welche Art Bahnticket wäre für mich optimal? Wie soll ich auf der Post um einen Briefumschlag bitten? Und eine Marke? Nein, nicht die Deutschmark, sondern eine Briefmarke? Wie bedient man die Waschmaschine? Und den Elektroherd? Aber was soll all diese megakomplizierte moderne Technik, all jene Boschs, Siemens’, Grundigs, wenn bereits ein normales Telefon durch die Notwendigkeit die Anrufe zumindest irgendwie zu beantworten abschreckt?! Dieses langwierige Murmeln und Glucksen zu verstehen, bei dessen Finale unweigerlich Fragenintonation entsteht und man gezwungen ist, zum dritten Mal zu wiederholen: Wie bitte?

Die Wörter verhedderten sich in anderen Wörtern, die Ähnlichkeiten stellten ihre Fallen auf: Falle und fallen, Zahl und zahlen, rechnen und Rache und passieren bedeutete nicht „passen“, noch weniger im Fußball-Kontext.

Ich setzte mich in solchen Situationen so gut ich nur irgendwie konnte durch, indem ich mir hastig von Null an eine für mich ganz neue, eine andere deutsche Sprache aneignete (oder anzueignen glaubte).

Und sie schien tatsächlich neu oder wenigstens sehr verändert zu sein. Ausgerechnet in Feldafing erfuhr ich, dass Sonnabend eigentlich Samstag, Mohrrübe – Karotte und Guten Tag – Grüß Gott heißt. Unsere Lehrer hatten uns, wie sich herausstellte, öfter die Unwahrheit gesagt. Außerdem hätte es wenig Sinn gehabt mit dem Gesprächsthema „Moskau, die Hauptstadt der UdSSR“ etwas anzufangen, an dem wir seinerzeit im Schulunterricht so viel geschuftet hatten.

Das war eine große und schmerzhafte Revision, der Anfang eines bewussten Eindringens in die Sprache, die man (wie es auch mit Menschen passiert) eigentlich etwas kannte, aber von einer unpassenden Seite. Und erst jetzt begann sie sich nun richtig dir zu öffnen und genau von der Seite, die du brauchtest – mit all ihren lebendigen Schichtungen, Innovationen, Amerikanismen, mit ihrem Berlin und München, mit ihrem Hamburg und Hannover in Reinkultur. Und das war wunderbar: ein sicheres Vorgefühl, dass der Roman erst beginnt, sich einzelne Wörter bereits in nicht sinnlose Phrasen zusammensetzen, die Idiome sich erhellen, Tempusformen und Kasus konjugieren und eines Tages geschieht das Wunder und du fängst an zu sprechen.

 

З української переклали

Алла Паславська та Гілля Кайнцбауер

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Вельмишановні пані і панове,

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Вітаю Вас сердечно з початком нового навчального року 2018/19 та зичу Вам міцного здоровя, удачі, щастя і наснаги на педагогічній ниві!

Нехай новий навчальний рік принесе Вам радість і задоволення від Вашої наполегливої праці!

Радий співпраці з Вами, тож шануймося, бо ми того варті!